VORHABEN: Sozialarbeiter aus dem Harz machen sich Bild von Projekt in Namibia.

VON INGO KUGENBUCH / ILSENBURG/MZ

In Katutura ist die Hoffnungslosigkeit fast mit Händen zu greifen. Schon am Mittag sitzen Männer in einer Wellblechhütte um ein großes Kunststofffass herum. Mit glasigen Augen lassen sie 1-Liter-Plastikbecher mit Oshikundu, einem billigen, aus Hirse gebrauten bierähnlichen Getränk, kreisen. Aus einer anderen Hütte dringt laute Musik nach draußen.
Im Halbdunkel bewegen sich Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm – halb tanzend, halb torkelnd. Auch sie sind mittags schon betrunken. Katutura ist das ehemalige Township der namibischen Hauptstadt Windhoek. Fast 50 000 Menschen leben hier in einem Meer aus Wellblechhütten. Manchmal, erzählt Samuel Kapepo, findet man in all dem Unrat eine Plastiktüte, die sich bewegt. Dann wollte mal wieder jemand sein Baby loswerden.
Der Name Katutura stammt aus der Sprache der Herero und bedeutet so viel wie „der Ort, an dem wir nicht leben möchten“. Hoffnungslosigkeit und Elend haben sich in weiten Teilen Katuturas eingenistet wie böse Geister. Doch zwischen Staub und Hitze und Lärm und Dreck gibt es auch Menschen wie Samuel Kapepo. Kapepo, der aussieht wie ein schwarzer Macho mit dicker Kette und ständig einem Streichholz zwischen den Lippen, stammt aus dem Ovamboland an der Grenze nach Angola. Geht man mit ihm über die staubigen Pfade, winken ihm viele Menschen zu. Er ist bekannt hier, viele haben ihn im Fernsehen gesehen. Kapepo betreibt mit einem guten Dutzend Mitstreitern eine Suppenküche, wo es für bedürftige Kinder mehrmals in der Woche 200 warme Mittagessen gibt. Dafür hat er den Namibia Youth Award 2016 gewonnen. Unterstützung bekommt Kapepo bei seiner Arbeit aus dem Harz. „Wir begleiten das Suppenküchenprojekt seit 2007“, sagt Sebastian Umbach. Er ist Jugendsozialarbeiter in Ilsenburg und im Verein „Kultur, Bildung und Freizeit – Café am Heizhaus“ engagiert. Dieser schickt nicht nur regelmäßig Spenden – inzwischen an die 10 000 Euro – nach Katutura, sondern engagiert sich auch selbst in der Suppenküche. 2008 und 2014 besuchte Umbach mit Jugendlichen Namibia, zweimal waren die Partner aus Windhoek im Harz. Umbach selbst fliegt fast jedes Jahr nach Afrika. „Kapepo leistet wichtige Arbeit“, sagt Umbach. „Er macht Drogen-, Alkohol- und Aids-Prävention und kümmert sich um die Freizeitgestaltung der Kinder.“
Jetzt wird ein neues Kapitel in der Zusammenarbeit zwischen den Harzern und Kapepo aufgeschlagen: Umbach fliegt am Freitag mit sechs anderen Jugendsozialarbeitern aus dem Landkreis nach Windhoek. „Internationale Jugendarbeit ist Teil unseres Berufs“, sagt er. Und wo könnte man die besser trainieren als in Katutura? „Meine Kollegen nehmen die Erfahrungen, die sie hier sammeln, mit in ihren Job zuhause.“ Und auf der anderen Seite lernt Kapepos Team von den Deutschen, wie diese arbeiten – Straßenfeste organisieren oder Freizeitangebote für Kinder schaffen. Die Jugendsozialarbeiter nehmen dafür Urlaub und zahlen jeder 1 100 Euro für die Reise. Den Rest der Kosten übernehmen der Bund, die Deutsch-Namibische Gesellschaft und Brot für die Welt. Auf ihrer Reise werden die Harzer zunächst das Suppenküchenprojekt unter die Lupe nehmen. „Wir werden dort nach einem gemeinsamen Großeinkauf mit dem Team für die Kinder kochen“, sagt Umbach. Aber auch ein Besuch beim deutschen Botschafter oder einer Parlamentsabgeordneten, die ihre Kindheit in der DDR verbracht hat, stehen auf dem Programm. Am 12. November reisen die Deutschen mit Kapepo in dessen Heimatdorf. Drei Nächte schlafen sie bei glühender Hitze in einer Hütte. „Dort gibt es keine Straßen, kein fließendes Wasser, keinen Strom“, sagt Umbach. Und keine Toilette. Wer aufs Klo muss, muss mit einem Spaten losziehen. Hilft das den Jugendsozialarbeitern bei ihrer Arbeit im Harz? „Ich denke schon“, sagt Umbach. So müssten sie sich unmittelbar fragen: Was heißt Armut? Was bedeutet Verlust von allen Möglichkeiten der Zivilisation? „Es ist ein Unterschied, darüber zu lesen, oder es selbst zuerleben“, sagt Umbach. Dann geht es weiter nach Swakopmund, einer sehr von der deutschen Kolonialzeit geprägten Stadt an der Küste. Auch hier schauen sich die Harzer Projekte in einem ehemaligen Township um. Nach zwei Nächten dort reist die Gruppe zurück nach Windhoek. Von dort aus startet das Flugzeug wieder in Richtung Norden – mit sieben Harzern und jeder Menge Eindrücke und Erfahrungen an Bord.

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veröffentlicht am: 3. November 2016
 
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