Sieben Harzer auf sozialpädagogischer Entdeckungstour in Namibia

von Anna – Lena Maier und Mark Niehoff

„Kann mir mal bitte einer erklären, warum wir 50 verschiedene Klopapiersorten brauchen!
Mit Noppen, geriffelt, doppellagig,…, oder einfach zum zerreißen und so viele Menschen noch nicht mal ein Essen haben.
Aber das ist ihr Problem. Ich hab schon genug damit zu tun, zu überlegen, welche der 50 ich dann nehm!“
Ein Auszug aus dem Lied „Die Welt von Mitteleuropa aus“ von „TheWohlstandskinder“

Gar nicht so leicht sich ins System einzufinden. Nein, nicht in das Namibische, sondern wieder in das Deutsche. Den scheinbar unzähligen Konsumgütern ausgesetzt, ein Leben im Überfluss, kommt unsere kleine Gruppe von Sozialarbeitern aus dem Harz, nach 16 Tagen Namibia, langsam wieder in der heimischen Realität an. Nach wie vor fällt es einem nicht leicht die gesammelten Eindrücke und Erlebnisse in Worte zu fassen, doch erst einmal der Reihe nach.
Bis auf zwei Vorbereitungstreffen kannten sich die sieben Projekt-Teilnehmer*innen untereinander kaum. Die einzige Gemeinsamkeit: soziale Arbeit. Von Tätigkeitsbereichen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, über Suchtberatung, Waldorfkindergarten, Mitarbeiter im Jobcenter bis zur Präventionskraft der Polizei, waren uns zwar westeuropäische Problemfelder durchaus bekannt, was uns jedoch in Afrika erwartete, konnten wir nur grob erahnen.
Unter der Leitung von Sebastian „dem weißen Namibier“ Umbach startete unser Flieger Richtung Windhoek, mit Zwischenstopp in Doha, am 04.11.16, vom Flughafen Frankfurt/Main.
Gut angekommen galt es erst einmal Eindrücke zu sammeln und den eigenen Akku für das kleine Abenteuer zu laden. Dabei kam es uns so vor, als ob es die Landeshauptstadt, zu Beginn der Reise, direkt gut mit uns meinte und uns den Übergang von Europa nach Afrika erleichterte. Zumindest kam in der „Maerua-Shopping Mall“ und in unserer Unterkunft für die ersten Tage noch nicht das erwartete „Afrika-Feeling“ auf, aber das änderte sich schnell.
Was wir in den nächsten zwei Tagen erleben durften, ist weder in Bilder, Worte noch in Emotionen zu packen. Unser jahrelanger Freund Samuel Kapepo, Leiter der „Kids Soupkitchen“ (www.kids-soupkitchen.org), stellte uns seine Heimat vor: Katutura, übersetzt der Ort an dem man nicht leben möchte. Wellblechhäuser, zum Teil meist nicht größer als fünf Quadratmeter, Armut, Müllberge, furchtbare Gerüche – das alles bis zum Horizont, soweit das Auge reicht und in all dem Kinder, Frauen und Männer. Wie formulierte es ein Teilnehmer von uns treffend: „Bittere Armut hat überall das gleiche Gesicht, aber hier (Katutura) endet sie nicht erst nach 300 Metern. Du kannst stundenlang laufen und hinter jeder Ecke schaut sie wieder in dein Gesicht“. Gerade Menschen wie Kapepo und die Helfer seiner Suppenküche sind jedoch das beste Beispiel dafür, dass es Hoffnung und Zuversicht gibt. Zwei mal wöchentlich kocht die Gruppe von Freiwilligen für ca. 200 Kinder aus dem Stadtteil und bietet den Jungen und Mädchen einen Zufluchtsort. Auch wir konnten uns während unseres Aufenthalts davon überzeugen und gaben für einen Vormittag unseren Beitrag dazu – kauften ein und kochten mit, auch wenn wir gern mehr getan hätten. Fragen, die uns übrigens die gesamten 16 Tage begleiteten waren: Wer benötigt wie viel? Reicht das aus was wir tun? Wo beginnt und endet Hilfe und was bedarf Selbstverantwortung? Antworten darauf bekamen wir in der Deutschen Botschaft vom ständigen Vertreter Ullrich Kinne, während unseres Termins bei ihm, nur bedingt.
Ein Treffen mit dem ehemaligen „DDR-Kind“ Monika Nambelela, die bis 1990 in Zehna/ Mecklenburg-Vorpommern gelebt hat und nun als Journalistin in Windhoek arbeitet, lies uns etwas hinter die politischen, geschichtlichen und kulturellen Kulissen schauen, aus Sicht einer Bürgerin. Eine stolze Frau mit unglaublich viel Kraft und Mut zum Protest, gleichzeitig jedoch auch riesiger Verbundenheit zu ihren unterdrückten Landsleuten.
Neben praktischen Programmteilen setzten wir uns als Fachkräfte auch mit theoretischen Aspekten auseinander. Während eines Workshops im Goethe-Institut, geleitet von Christian Mahnke, thematisierten wir Kolonialismus, Postkolonialismus und Genozid, Themen welche in Deutschland viel zu wenig Beachtung finden trotz, dass sie ein Teil unserer Vergangenheit und aktuell wieder präsenter sind denn je.

Nach einer Woche Windhoek verließen wir die Hauptstadt in Richtung Norden. Nach ca. 750 Kilometern und 10 Stunden Fahrt, kamen wir pünktlich zum Sonnenuntergang in Kapepos Heimatdorf „Omatunda“ im Ovamboland an. Für die nächsten drei Tage war „Afrika – Deluxe“ angesagt: Strom, Wasser, W-Lan – Nein, Danke und wohl unmöglich so in einem Reisebüro zu buchen. Einmal mehr gilt ein großer Dank an Kapepo für das Mitnehmen in diese offene Dorfgemeinschaft und Kultur. Jetzt übernahmen wir die Rolle der Exoten. Das war gewöhnungsbedürftig. Doch die Offenheit der Einwohner machte uns das Ankommen leicht. Klimatische Bedingungen von täglich fast 40 Grad Celsius ohne Schatten, Miniskorpione im Schlafbereich oder Relaxen am Sonntag auf „Oshivambo Art“ brachten den ein oder anderen von uns zumindest kurz an seine Grenzen. Spätestens durch das Lagerfeuer, den Sternenhimmel und den unglaublichen Mond am Abend waren diese Schwierigkeiten wieder wie vergessen. Am Montag konnten wir einen Eindruck von der medizinischen Versorgung im 10 Kilometer entfernten Krankenhaus gewinnen. Erschreckend war dabei nicht was wir im Gebäude sahen sondern was 50 Meter davor ablief: ca. 70 schwangere Frauen zelteten direkt vor dem Krankenhaus. Damit sie in der Schwangerschaft und währen der Geburt gut begleitet werden, nahmen die Frauen bereits während des dritten bis vierten Schwangerschaftsmonats einen Fußweg von bis zu 100 Kilometern auf sich, um von den Dörfern in das nächst gelegene Krankenhaus zu gelangen. Sanitäranlagen, Hygiene oder Versorgung, gar ein Sonnenschutz – Fehlanzeige.

Mit einer Übernachtung in Tsumeb ging es für unsere Gruppe vorbei am Bergmassiv und den vielen Uranminen über Omaruru nach Swakopmund. Auf dieser Strecke wurde noch einmal deutlich, was für ein riesen Land Namibia ist, mit unterschiedlichsten klimatischen und botanischen Facetten. Gerade baulich und touristisch erinnerte uns diese Region sehr an Deutschland und Europa.
Dass es in Swakopmund eine Art Katutura gibt, war auf den ersten Blick nicht zu erahnen. Während unseres Aufenthalts lernten wir Anja Rohwer kennen, die ähnlich wie Kapepo eine Suppenküche koordiniert und zusätzlich ein Kindergarten- und Frauenprojekt anbietet. Beeindruckend, was die Menschen auch hier unter erschwerten Bedingungen auf die Beine gestellt haben. Erneut konnten wir feststellen, dass Kinder überall auf der Welt voller Lebensfreude sind. Bei einem Vergleich mit Deutschland stellt man sich jedoch die Frage: „Sind die deutschen Kinder nicht schon kleine Erwachsene und von Regeln und Geboten so eingeschränkt, das sie weniger Lebensfreude haben als Beispielsweise in Namibia, trotz besserer Lebensqualität?“

Am Tag Nr. 15 ging es noch einmal zurück nach Windhoek, denn es galt Abschied zu nehmen von Kapepo und der Suppenküchencrew. Ein letztes Gespräch, ein letztes gemeinschaftliches Lachen und eine letzte herzliche Umarmung – „Time to say goodbye“, bis es am Tag darauf zurück in die Heimat ging.
Kaum jemand von uns war je in seinen Reisen so persönlich und emotional in die Kultur eines Landes eingebunden. Jeder nimmt aus den Erfahrungen dieser Fachkräftereise vor allem für seine Arbeit aber auch für sein Privatleben etwas mit, vor allem Dankbarkeit. Wir erlebten 16 Tage voller Kontroversen – Armut gegen Reichtum, Trauer gegen Lachen oder Korruption gegen Alltagshelden wie Monika, Anja und Kapepo, die dem Land Hoffnung geben. Jede Form der Hilfe kann nur ein Tropfen in der Wüste sein, wenn sie nicht Hilfe zur Selbsthilfe ist. Nur Bildung kann den Lauf der Dinge verändern, diese jedoch kostet. Wir haben uns mit der namibischen Kultur, den dort lebenden Menschen und deren Lebensumstände aus sozialpädagogischer Sicht auseinander gesetzt, welche jedoch nicht zwingend und auf den ersten Blick die schönsten Seiten dieses tollen Landes widerspiegelt.
Einen besonderer Dank geht an Sebastian Umbach für die Organisation, die starken Nerven und die Geduld, an alle Gruppenteilnehmer, die stets eine Einheit waren, sowie an unseren Bruder Samuel Kapepo, der uns mit in seine Welt genommen hat!
“YOU CALL IT AFRICA, WE CALL IT HOME!”

Das Fachkräfteprogramm wurde unterstützt vom Bundesfamilienministerium, der Deutsch – Namibischen Gesellschaft und in Vorbereitung von Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst.
Sie möchten das Projekt Suppenküche in Namibia unterstützen? Jede Spende hilft und ist willkommen. Spendenkonto,
IBAN: DE43 1203 0000 1020 2020 97 (Gern stellen wir auf Wunsch Spendenquittungen aus.) Herzlichen Dank

Ein Projekt von Kultur, Bildung und Freizeit e.V.
www.cafe-am-heizhaus.de

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veröffentlicht am: 18. Januar 2017
 
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