Tagebuch Namibia 2012

„Topf trifft Kelle“ Mitglieder des Vereins „Kultur, Bildung u. Freizeit e.V. arbeiten in Namibia und besuchen ein Ovambodorf an der angolanischen Grenze – ein Tagebuch

von Sebastian Umbach

Die ersten Tage – Highlights

Nach etwas Entspannung nach dem Nachtflug besuchen wir gleich am ersten Abend das Nationaltheater in Windhoek. Wir, das sind sechs junge Erwachsene des Ilsenburger Vereins „Kultur, Bildung und Freizeit e.V.“, begleitet von dem Sozialarbeiter und DNG-Mitglied Sebastian Umbach. Die „Tura Springer“-Show („Tura“ von Katutura und „Springer“ übernommen von der US-Talkshow „Jerry Springer“) konfrontiert uns mit den alltäglichen Herausforderungen der Bewohner des Windhoeker Townships Katutura: Armut und Reichtum, HIV-AIDS, Prostitution, Gewalt und Alkohol. Unsere erste Lektion: Probleme, die auch wir aus dem Alltag kennen, wie der problematische Umgang mit Alkohol, haben in Katutura eine vollkommen andere Dimension. Die Nachwuchsschauspieler und die Crew haben die Sketche so hervorragend inszeniert, dass wir den Inhalten – trotz Sprachschwierigkeiten – sehr gut folgen können.

Tags darauf planen wir in der Suppenküche mit dem Initiator Samuel Kapepo, den Sebastian Umbach aus langjähriger Zusammenarbeit für die Suppenküche kennt, und dem Team die weitere Woche.

Eine kleine Bustour mit Kapepo (wie er umgangssprachlich genannt wird) durch Katutura soll uns erste Eindrücke dieses Stadtteils vermitteln, endet jedoch nach den ersten beiden Straßenzügen – der Bus ist kaputt. Mehrere Leute am Straßenrand helfen uns sofort, damit wir irgendwie weiterkommen.

Am Nachmittag, mit einem neuen Bus, haben wir dann den ersten offiziellen Termin: ein Besuch im Goethe-Zentrum. Die Leiterin Sabine Aquilini begrüßt uns und wir diskutieren vor allem zwei Themen: den angebotenen Deutschunterricht und die namibische Bildungspolitik. Es folgt ein Workshop mit Christian Mahnke zum Thema Rassismus. Wir stellen uns Fragen wie: Wo liegt der Ursprung? Ab wann beginnt eigentlich Rassismus – bei der Frage nach den Haaren oder der Sprache? Diese Fragen bewegen. Die Runde wird begleitet von Naita Hishoono, eine Namibierin, die lange Zeit ihrer Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR verbracht hat. Dieses „DDR-Thema“ finden wir ebenfalls sehr spannend. Aus dem Workshop gehen wir mit viel anregendem Diskussionsstoff, der auf unseren Busfahrten weiter besprochen wird.

Tag Drei bis Sieben

So langsam sind wir in Namibia angekommen und es kann an die Arbeit gehen. Ein Großeinkauf für die Suppenküche, ermöglicht durch viele Spender aus Deutschland NWZ berichtete), im Großmarkt Katutura steht auf dem Plan: haltbare Lebensmittel für etwa zehn Wochen, Utensilien zum Kochen, eine neue Tiefkühltruhe.

Kapepo zeigt uns außerdem das Leben im hinteren Teil von Katutura – für uns unvorstellbar und ein absoluter Gegensatz zur Stadt Windhoek. Wir reden mit vielen Menschen, spielen Domino und essen am Straßenrand „Kapana“ – frisch geschlachtetes, sehr lecker gewürztes, aber scharfes Rindfleisch vom Grill, was als Fingerfood gegessen wird.

Am Sonntag ist – wie jede Woche – die Suppenküche geöffnet und wir kochen mit! Um 8 Uhr morgens treffen wir uns mit dem Team und bereiten das Essen vor. Wir haben Hühnchen mit Reis und Gemüse für ungefähr 130 Kinder. Neben dem Kochen und dem Verteilen von Essen kommt auch das Spielen nicht zu kurz.

Im Jahr 2008 hatten mehrere Ilsenburger Vereinsmitglieder in der Havana Primary School Katutura einen Schulgarten angelegt. Die Schule ist mittlerweile offizielle Partnerschule der Ilsenburger Goethe Sekundarschule und der Besuch vor Ort für uns somit ein Muss! 1.430 Kinder werden in 29 Klassenzimmern von Klasse 1 bis 7 unterrichtet. Besonders berührt sind wir vom Schulgartenprojekt – eine Erfolgsgeschichte, der wir vor fünf Jahren Leben eingehaucht haben. Der Garten ist bereits dreimal so groß wie zu seinen Anfängen und wird von den Schülern fleißig gepflegt. Wir sind begeistert!

Am Nachmittag geht es zum  Radiosender NBC (Namibian Broadcasting Corporation). Sie haben uns in die deutschsprachige Jugendsendung „Whats Up“ eingeladen. „On Air also Live“ haben wir über unsere Begegnungen in diesem Land berichte und über unsere Motivation, Kontakte nach Namibia zu pflegen und deren Perspektiven.

Die folgenden Tage in Stichpunkten:

Besuch in der Deutschen Botschaft. Vorbereitungen treffen für die Fahrt ins Ovamboland. Krank! Magen/Darm-Probleme befallen uns.

Tag Elf bis Dreizehn

Vor uns liegen 800 Kilometer bis ins Ovamboland. Kapepo und seine Mutter Meme begleiteten uns. Auf der Fahrt ändert sich die Landschaft und die Tierwelt – für uns ist alles faszinierend. Am Straßenrand stehen Warzenschweine, Springböcke, Kühe und Ziegen. Gegen 17 Uhr erreichen wir das Dorf Omatunda nahe der Kleinstadt Ohangwena, in dem Kapepo geboren wurde und aufwuchs. Wir sind gut darauf vorbereitet drei Tage ohne Strom und fließend Wasser auszukommen. Es begrüßt uns Madam Shitumbuleni, die Dorfvorsteherin. Ndahafa, einer Verwandte Kapepos, stellt uns ihr Haus – bestehend aus zwei Zimmern – zur Verfügung. Sie kocht für uns Ovambo Porridge (Maisbrei – kurz „Pap“) mit Trockenfisch.

Dann kommt die Nacht – wir merken schnell, dass wir nicht allein im Haus wohnen, sondern es mit kleinen Tierchen teilen, die dann doch so groß sind, dass sie uns unangenehm erscheinen. Besonders quält uns die extreme Hitze.

Geweckt vom frühen Krähen des Hahns ist die Nacht zu Ende! Pünktlich zum Schulbeginn der Secondary School gesellen wir uns zu verschiedenen Klassen und stellen fest, auch im Hinterland ist der Mathematikunterricht genau wie bei uns – Diagramme und Prozentrechnung – allerdings fehlt es an mancherlei Grundausstattung wie Linealen oder Tischen.

Anschließend schlendern wir durch das Dorf, sehen wie Frauen in Erdhügelhöhlen Ton fördern und zu Töpfen u.ä. verarbeiten. An einer Wellblechhütte treffen wir einige Dorfbewohner, mit denen wir ins Gespräch über den ihren Alltag kommen.

Wir besuchen auch die Grenzstadt Oshikango. Tagtäglich passieren hier viele Menschen die Grenze zwischen Angola und Namibia – der Handel spielt eine wichtige Rolle.

Am Lagerfeuer mit Freunden, Familie und Lehrern der Schule lassen wir den Abend mit Geschichten aus dem Ovamboland und dem Harz ausklingen. Auf den Hahn ist Verlass – wieder einmal erweckt er uns rechtzeitig! Wir wollen über den Etoscha-Park den Weg Richtung Swakopmund nehmen. Beeindruckt von der Natur und Tierwelt fahren wir 150 Kilometer durch den Park und sehen Zebras, Giraffen, Elefanten und einen Löwen. Was uns erstaunt: Kapepo, der in Namibia geboren ist – sieht hier zum ersten Mal einen Elefanten.

Swakopmund vermittelt uns den vielbeschriebenen Küstenstadt-Eindruck. Schön ist‘s, aber kalt (immer noch etwa 20 Grad)! Auf dem Weg zum Flughafen verbringen wir eine letzte Nacht in Omaruru, auch sehr schön, aber warm (wieder um die 30 Grad).

Die Bandbreite der Vielfalt Namibias, die wir entdecken durften, ist fast komplett: Hauptstadt und Küstenstadt, Dorf im hohen Norden und kleines Städtchen, Wüste und fruchtbareres Ackerland, bekannte und fremde Tiere, arm und reich, glücklich und traurig – von jedem etwas in knapp 14 Tagen – was für ein Erlebnis!

Tausend Dank denen, die uns das ermöglicht haben.

Hintergrund:

Bereits seit 2008 hat der Ilsenburger Verein „Kultur, Bildung und Freizeit e.V.“ einen sehr engen Kontakt zu einer Suppenküche in Windhoek/Katutura, die unmittelbar an den Jugendclub Mosel II Garoeb angeschlossen ist. Nach 5 Jahren Kooperation ist das Fazit der Ilsenburger Vereinsmitglieder, dass besonders persönliche Kontakte einen internationalen Austausch lebendig halten und beflügeln. Nach einem besonderen Meilenstein der deutsch-namibischen Beziehung, dem Deutschlandbesuch der beiden Hauptorganisatoren der Suppenküche in Katutura im letzten Jahr (NWZ berichtet), kribbelte auch am Fuße des Brockens langsam wieder das Reisefieber. Zudem wollten fleißig gesammelte Spenden an ihren Bestimmungsort gelangen, um dort endlich Gutes zu bewirken. Im Oktober des vergangenen Jahres starteten sechs junge Erwachsene, begleitet von Sozialarbeiter Sebastian Umbach, ihre Reise. Das Projekt wurde ermöglicht durch Fördermittel des Bundesjugendplans (BMSFJ), der Stiftung „NORD SÜD BRÜCKEN“ und der Deutsch Namibischen Gesellschaft, sowie in Vorbereitung der Reise durch den Evangelischen Entwicklungsdienst (EED).

Mehr Informationen zu Verein und zur Suppenküche finden Sie unter

www.cafe-am-heizhaus.de und www.kids-soupkitchen.org.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MySpace
  • LinkedIn
  • Facebook
  • TwitThis
  • Google Bookmarks
  • del.icio.us
veröffentlicht am: 10. Januar 2013
 
TOP